Per Zufall sah einer meiner Lehrer meiner Schulzeit Blumenbilder von mir und es rutschte ihm so heraus: „Wie Emil Nolde“. Ich verstand damals diesen Satz nicht, denn ich kannte keinen Emil Nolde. Wer war das? Bald suchte ich nach Informationen und wurde natürlich auch fündig. Es gibt unendlich viele Bücher über diesen wunderbaren Maler. Nach dem Studium einiger Bücher und der Betrachtung seiner Bilder, kam ich darauf, was mein Lehrer mit seiner Aussage gemeint haben könnte. Er sah wohl in meinen Blumenbildern die gleiche Unmittelbarkeit und Farbkraft wie in Noldes Bildern (Ich selbst würde es nie wagen, mich mit Emil Nolde zu vergleichen). Stark vereinfacht und wie im Garten stehend und leuchtend springen Noldes Blumenbilder dem Betrachter sofort ins Auge. Ich mag diese Vereinfachung und Unmittelbarkeit sehr, sie verbindet einen wunderbar mit der Natur. Nichts ist dort perfekt, alles wächst, gedeiht und vergeht dann wieder, um im nächsten Jahr wieder zu beginnen. Alles ist irgendwie so einfach und unkompliziert, aber ich schweife ab.

Eigentlich wollte ich von meinem Besuch im Museum in Seebüll erzählen.

So kam ich tatsächlich im Kalenderjahr 2005 über Flensburg nach Seebüll. Doch so dicht ist es gar nicht bei Flensburg. Eine gute halbe Stunde Fahrzeit muss man da schon einplanen. Seebüll liegt dann ganz versteckt, „jwd in der Wallachei.“ Ab einem bestimmten Punkt sind die Straßen unglaublich schmal, rechts und links gibt es nur noch flaches Land mit hohen Gräsern soweit das Auge reicht. Wenn nicht ab und zu Hinweisschilder auftauchen würden, zweifelt man schon, ob man sich noch auf der richtigen Wegstrecke befindet.

Angekommen! Ein schöner Weg zwischen Gräsern, die sich im Wind biegen, führt zum Haus. Links ist weit entfernt ein altes Bauernhaus auf einer kleinen Anhöhe zu sehen. Auch das Haus von Emil Nolde steht etwas erhöht. Es ist dunkel und kastig mit Flachdach. Wenn man bedenkt in welcher Zeit und Umgebung (Es gab damals dort ganz sicher fast nur Bauernhäuser mit Strohdach.) es gebaut wurde, dann war dieses Haus sicher revolutionär. Auch das passt irgendwie zu seinem Freigeist, der sich ebenfalls in seinen Bildern ausdrückt.

Enge Flure, schmale alte Holztreppen, große und kleine Räume erwarten den Besucher. Im Keller befinden sich die biblischen Bilder. Mich erschrecken die groben, leidenden und verhärmten Figuren in seiner Bildern. Das hatte ich nicht erwartet.

Weiter geht es in den großen höher gelegenen Raum. Dort befinden sich viele Ölgemälde, dicht an dicht. Große Bilder mit starker Leuchtkraft. Blumenbilder, Menschen- und Landschaftsbildnisse in großen Formaten. Hier fühle ich mich wohler. Die Bilder vermitteln mir Energie, Lebens- und Schaffenskraft, die Liebe zur Natur und den Menschen. Aber ein bisschen erschlägt und beunruhigt mich auch die Kraft der Farben.

In den oberen kleinen Räumen dann treffe ich auf die ungemalten Bilder, kleine Aquarelle und Aquarelle auf Japanpapier. Diese Bilder faszinieren mich, diese Räume sind meine. Die schlichten Motive wurden mit sicherem Strich gemalt. Die Farben leuchten auch hier. Kleinere Formate und die Sanftheit des Aquarells wirken beruhigend, und so als wäre ich angekommen, auf mich. Hier halte ich mich am längsten auf und genieße den Anblick der einzigartigen Bilder Emil Noldes.

Dann geht es hinaus in den Garten. Er ist faszinierend. Die Beete sind wunderschön angelegt. Da es September ist, beherrschen Astern und Dahlien in allen Formen, Farben und Größen das Bild. Ein wunderschöner Bauerngarten, der ganz sicher zu jeder Jahreszeit seine Farbenpracht entfaltet, begeistert mich. Ich verstehe die Verbundenheit Emil Noldes zu den Blumen bei diesem Anblick voll und ganz.

Ganz erfüllt von den Eindrücken geht aus auf den Heimweg. Bis heute (2008) ist die Erinnerung an diesen Besuch bei Emil Nolde für mich ganz unmittelbar, als wäre es erst gestern gewesen.

Ich hoffe sehr, dass ich ihn eines Tages wieder dort, wo er für immer lebendig ist, besuchen kann.

2 Antworten zu “Zu Besuch bei Emil Nolde”

  1. prenzlmaler sagte

    Hallochen, Ute !

    Deine Texte, die sehr unkonventionell und nah am Erlebten geschrieben sind, lese ich sehr gern. Nichts ist gekünstelt, alles ist einfach und ganz echt. Deine Texte sind wie eine mundende Speise, die man mit Genuss verspeist und bekömmlich ist.

    In diesem Beitrag triffst du natürlich mein interessiertes Künstlerherz, das für hunderte Maler schlägt und so auch für Nolde, der bekannterweise zu Berlin ein besonderes Verhältnis hatte, zur Berliner Sezession und zur „Brücke“ gehörte. Dein inniges Verhältnis zu seinen Blumenmotiven ist verständlich, weil da gemeinsame Interessen sich kreuzen.

    Stehen eigentlich im Museum immer noch teilweise Noldes Bilder auf dem Erdboden ? Diese Art der Platzausnutzung findest du auch in meiner Galerie, die sich jedoch mehr zum Atelier entwickelt.

    LG aus Berlin von Dieter.

  2. usto sagte

    Hallo Dieter,

    in dem Jahr, in dem ich dort war, stand kein Bild auf dem Erdboden, aber wie gesagt, hingen die großen farbprächtigen Ölbilder tatsächlich dicht an dicht, fast die ganze Wand bedeckend, an den Wänden.
    Während die Aquarelle in den kleineren Räumen überwiegend in Augenhöhe nebeneinander gehängt waren.
    Danke für Deinen Kommentar, vielleicht könntest Du als Pendant zu Seebüll ja einmal einen Beitrag zu Nolde in Berlin schreiben. Ich würde mich freuen. Gibt es in Berlin eigentlich speziell zu Nolde einen ständigen Ausstellungsraum? Wahrscheinlich aber findet man eher etwas über ihn in einem Museum der Museumsinsel, oder?

    Liebe Grüße Ute

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