Seit einigen Wochen freute ich mich schon auf diesen einen Tag. Den ganzen Tag malen, was für ein Luxus ist das. Am Freitag erledigte ich den Haushalt und überlegte mir, was meine Familie noch am Samstag übernehmen muss, verteilte diese Aufgaben und dann konnte ich den Maltag ganz entspannt beginnen.

Ganz gemütlich bei einem Tee erzählte E. der Gruppe (vormittags 3, nachmittags 4 Frauen), was sie mit uns erarbeiten wollte. Der Oberbegriff für den Maltag war Ausdrucksmalen (in Anlehnung an Arno Stein). Dieses Mal jedoch mit einem speziellen Thema: Kontraste: extremste Kontraste in Farbe, im Farbauftrag, innerhalb einer Farbe hell/dunkel.

Mmmmh, ich liebe eigentlich Farbharmonien! Aber ran an die Arbeit: Welche Farben nehme ich? Leinwand oder Papier? Groß oder klein? Pinsel, Spachtel, Hände, Schaumstoffwalze oder was?

Ich entschied mich für das Gelb und das Blauviolett mit dem Weiß und die nebenstehenden Farben zum Violett. Papier in der Größe 70 x 100 cm und großen Pinsel und die Finger.

Erst sanft die Farben mit viel Wasser verdünnt auftragen und auch etwas laufen lassen. Dann ohne viel zu überlegen mit den Fingern expressiv, dick und emotional Spuren hinterlassen. Ich bin irgendwie viel zu schnell fertig. Dieses Bild muss erst einmal beiseite gestellt werden.

Farbkontrast gelb/violett, 70 x 100 cm

Das nächste Blatt Papier aufspannen. Jetzt mit einer Farbe und ihren Nachbarfarben Spannung aufbauen. Wie macht man das? Ich nehme das Violett. Gelb hat mir zu wenig Nuancierungen. Wieder fange ich aquarellartig an, fühle mich sehr wohl dabei. Dann gehe ich expressiver mit Farbe und Spachtel an das Bild. Ich arbeite richtig, es strengt mich an. Aber es ist vom Gefühl her nicht unangenehm. Um dem Bild noch etwas mehr Spannung zu geben, setze ich etwas Rot hinein und auch noch sehr wenig Indigo vermischt mit Violett. Das Bild hat sehr helle Stellen und auch einige dunkle. Es sieht viel versprechend aus, aber noch nicht fertig. Etwas fehlt noch, um den Ausdruck zu steigern. Schwarze Tusche fein aufgetragen, das wär`s. Evelin hat nur noch einen Rest. Das reicht nicht aus für das große Bild und die Tintenpatronen sind eingetrocknet. Da muss ich wohl flexibel sein, rufe zu Hause an und beschreibe meinem Mann, wo die schwarze chinesische Tusche ist. Er bringt sie mir am Mittag. Ich muss warten und stelle seufzend das Bild erst einmal beiseite. Es fällt mir schwer, weil ich es liebe Bilder in „einem Guss“ zu malen.

Ich fange ein neues Bild an. Das ist heute schon das Dritte. Dieses Mal noch einmal Farbkontraste. Auf meiner Palette ist sehr viel Farbe von den beiden vorangegangenen Bildern. Wieder fange ich aquarellartig mit großem Pinsel an. Diesmal entsteht erst ein Oval. Blaugrün ist die Hauptfarbe. Mit dem Spachtel trage ich auch Farbe auf, Kratze und schiebe die Farbe hin und her. Es ist so schön harmonisch. Da kommt E. Welche Kontrastfarbe willst Du nehmen und „Pariser Blau“ brauchst Du auch noch? Sie lässt nicht locker und so entscheide ich mich für Karminrot. Ist ja unser Thema heute. Setze es auf das Blaugrün und E. merkt kurz an: „Das wird braun! Ich finde es sehr gut, dass Du das Auge über dieses Blaugrün und Braun zum Karminrot lenkst.“ Sie lässt wirklich nicht locker. Also setze ich noch zwei weiße, damit das Karminrot dann auch schön leuchtet.

Ich kann nicht mehr, bin total ausgepowert und mein Magen macht komische Geräusche. Also ist eine Mittagspause angesagt. Mein Mann bringt die Tusche und beide Bilder trocknen, während ich im Atelier esse und sie betrachte. Die anderen Teilnehmer und E. gehen über Mittag ca. 1 1/2 Stunden weg. Ich bin ganz alleine im Atelier, umgeben von den unfertigen Bildern aller Teilnehmer. Das genieße ich sehr. Die Bilder aller Teilnehmer unterscheiden sich sehr. Ich mag das. Meine eigene Pause halte ich sehr kurz, weil ich furchtbar gerne ganz alleine im Atelier arbeite. Da entwickeln sich bei mir die Feinheiten oder letzten Pinselstriche oder Ideen zu meinen Bildern. Es ist einfach toll da zu sitzen und die Ideen fließen nur so.

Schnell das Blaugrüne fertig malen – es fehlt nur noch wenig und das Violette lockt. Das Karminrot reinsetzen und alles etwas verbinden. Nein, der letzte Kick fehlt noch. Ich nehme einen schwarzen Ölpastellstift und gehe damit über das gesamt Bild. Fertig! Ich bin zufrieden und fühle mich mit dem Endergebnis sehr wohl.

Farbkontrast blaugrün/karminrot, 70 x 100 cm

Dieses Bild war sehr schwer zu fotografieren. Ich habe x-Versuche gebraucht, bis ich zufrieden war. Es durfte nicht im Licht fotografiert werden, denn dann war es viel zu blau.

Nun das Violette weiter malen. E. hat viele Zeichenfedern. Ich entscheide mich für eine uralte Glasfeder. Oben fast in der Mitte fange ich an, die Strukturen mit feinen Linien zu ergänzen. Gehe dann nach links, oh, etwas verwischt, schnell abwaschen und ist doch klar, die Tusche muss erst trocknen, also jetzt aufpassen.! Ich sehe so viele Gestalten, Hemden, ein Zelt, Kristalle und und und. Jetzt zeichne ich meine Linien unten. Häh`, wieso fließt die Tusche nicht mehr, kann doch gar nicht angehen! Eben noch war es die tollste Feder, die ich je in der Hand hatte. Ein sehr weicher und gleichmäßiger Strich war doch mit ihr möglich. Meine Hand ist ganz schwarz. Jetzt hab`ich`s! Oben hielt ich die Feder richtig. Unten auch wie einen Schreiber, aber hier den Stil nach unten, da ich in der Hocke war und so fließt natürlich nichts. Hände waschen, Stil richtig halten und schon macht es wieder Spaß. Fast zwei Stunden brauche ich für die Ausarbeitung. Eine Teilnehmerin kommt zurück und bemerkt, dass ich so fein arbeite. Sie würde dort kräftiger rangehen – ich nicht! Die weiteren Teilnehmer und E. kommen wieder. E. bittet mich zu überdenken, ob ich nicht die eine rote Stelle etwas zurücknehmen möchte. Ich widersetze mich, ich brauche es an dieser Stelle so wie es ist.

Fertig! Wenn ich es so betrachte, dann sehe ich so viele Dinge dort und könnte fast eine Geschichte dazu erfinden, vielleicht, wenn ich einmal viel Zeit habe.

hell/dunkel Kontrast, 70 x 100 cm, 03/08

Es ist noch Zeit. Willst Du noch ein Bild anfangen?

Jein, aber es ist wirklich noch viel Zeit und ich kann die Restfarbe noch aufbrauchen. Flächenkontraste sollen es diesmal sein. Ich fange mit den vielen Farben an, setze Flächen und spachtele hinein. Es befinden sich alle Farben des Farbkreises auf meinem Blatt. Irgendwie fühle ich mich plötzlich überfordert. Zu viele verschiedene Farben, alles fällt auseinander, nichts geht mehr. Ich breche ab. Es ist genug.

E. überredet mich nach dieser Erfahrung doch noch einmal neu zu beginnen, denn es ist ja noch Zeit. Ein kleines Papier. Es ist schnell Farbe drauf und sieht auch wieder ganz locker aus. Also noch ein großes Papier, aber hier reicht meine Energie nur noch zum Auftragen der Restfarbe. Die letzten beiden Papiere lasse ich bei E. im Atelier. Das erste dieser Papiere hat einige schöne Stellen, die kann ich ausschneiden. Mit einem Passepartout schauen wir noch einmal. Ja, drei Stellen gefallen mir.

Flächenkontrast, 70 x 100 cm

Das erste Bild des heutigen Tages betrachte ich auch noch einmal. Ich überlege, dass es auch noch ganz gut mit schwarzer Tusche überarbeitet werden könnte. Jedoch nicht mehr heute.

Es war für mich ein ganz wunderbar, erfüllter Tag. Ich bin total ausgepowert und müde, aber glücklich. Schön, dass ich bis zum nächsten Maltag diesmal nicht so lange warten muss. Bereits am 19. April darf ich wieder den ganzen Tag in Farben schwelgen. Ich freue mich schon jetzt darauf. Thema ist dann: Malen nach Musik und Traumreisen

Heute, am Sonntag, hat mir mein jüngster Sohn  eine ganz besondere Freude gemacht. Er sah meine Bilder und es rutschte ihm so ´raus: „Die hast Du gestern alle gemalt? Ich finde die alle cool!“

3 Antworten zu “Acrylmalen – Maltag bei Evelin”

  1. prenzlmaler sagte

    Hi, Ute !

    Es freut mich, wieder einmal von dir etwas zu lesen und zu erleben. Um mich nicht zu überfordern, habe ich den Text bis zum zweiten Bild gelesen. Prima geschildert.

    Zum zweiten Bild:

    Das Bild ist dir sehr gut gelungen und allein deswegen dürfte sich bereits dein Maltag gelohnt haben.

    lg dieter

  2. prenzlmaler sagte

    Hallochen, Ute !

    Heute habe ich mir den Entstehungsbericht zum violetten Bild einverleibt. Es ist richtig spannend geschrieben, wie du an die Sache rangegangen bist. Die heimtückischen Federn kenne ich zur Genüge und nicht immer trägt die Haltung des Griffels zum besseren Funktionieren bei.

    Das violette Bild kommt auch bei mir gut an. Besonders gefällt mir die geometrische Grundidee mit den Vertikalen links oben und den Vertikalen der rechten Seite, während mit kühnem Schwung in der Mitte eine Bogenzone gesetzt wurde. Die vielen gesplitteten Elemente und das leichte Andeuten figuraler Einbezogenheiten lässt den entfernten Hang zu einer Geschichte erkennen.

    Die Farbigkeit kommt meiner Freude am Blau entgegen.

    LG Dieter.

  3. usto sagte

    Hallo Dieter,

    danke für Deinen Kommentar.
    Was ich noch nicht beschrieben hatte, ist, dass ich zwischendurch sehr aufpassen musste, weil ich an einem Punkt irgendwie die Konzentration verlor und leicht auf die Schiene hätte kommen können, es durch Konzentrationsmangel zu verderben. Das Arbeiten der feinen Linien verlangte extreme Konzentration.

    lg ute

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