Zu Besuch bei Edvard Munch
März 1, 2008
Im April 2006 machte ich mich auf, um Edvard Munch in der Hamburger Kunsthalle zu besuchen. Da ich kein Auto zur Verfügung hatte, fuhr ich mit der Bahn. Reine Fahrzeit bis zum Hauptbahnhof ist rund 1 Stunde. Doch für mich ist es nie eine verlorene Stunde, denn immer wenn ich mit der Bahn nach Hamburg fahre, begegne ich den Orten meiner Kindheit und erinnere mich sehr gerne im Laufe der Fahrt an diese Zeit. An der Haltestelle „Hutwalckerstraße“ ist der Winterhuder Marktplatz, dort kauften wir ein. An der Haltestelle „Lattenkamp“ war das Schwimmbad, in dem ich schwimmen lernte, und natürlich die Grundschule, die mein Bruder und ich besuchten. Ja, da gibt es dann noch den Stadtpark, in dem wir spazierten, spielten und das Eislaufen am Wasserturm versuchten. Auch die Haltestellen „Eppendorf“, „Sengelmannstraße“, „Langenhorn“, „Ohlsdorf“ und „Barmbek“ verbinde ich mit sehr persönlichen Erinnerungen und so wurde auch diese Reise zu Edvard Munch, wie jede Bahnreise nach Hamburg, schon unterwegs zu einer Reise zu meinen Erinnerungen.
Am Hauptbahnhof angekommen, ist es nicht mehr weit bis zur Kunsthalle. Diesmal mein dritter Besuch dort überhaupt und wieder alleine. Ich hatte mir extra diesen ganzen Tag frei genommen, um Edvard Munchs Bilder zu sehen. Der Altbaueingang mit seiner altmodischen, großen Drehtür ließ mich ein. Ich gab meine Jacke ab, kaufte die Eintrittkarte und begann meinen Besuch.
Von Edvard Munch kannte ich nur die bekannten Bilder „Der Schrei“ und die „Madonna“, sonst nichts.
Für mich war es eine große Überraschung, dass er auch große farbige Ölbilder gemalt hatte, die nichts von seiner Schwermut verrieten. Es fanden sich auch einige wenige, farbige, großformatige Portraits, die mich jedoch nicht sehr berührten, obwohl sie bestimmt sehr gut gemalt waren. Bis auf ein einziges: Drei Mädchen stehen auf einer Brücke, zwei mit dem Rücken zum Betrachter. Ich meine mich zu erinnern, dass alle einen großen Hut trugen. Die Figuren waren irgendwie, ich kann es nicht anders ausdrücken, liebevoll gemalt und die Szenerie hatte so etwas Friedliches.
Die schwarz weiß Bilder von Edvard Munch waren alle kleinformatiger. Sowohl die Portraits als auch die Zeichnungen, Drucke und Skizzen, berührten mich sehr. Sie waren so voller Emotionen, häufig sehr bedrückend, so dass man sie nicht so schnell vergessen konnte. Sie erzählten mir die Lebensgeschichte von Edvard Munch ohne Worte. All sein Grausen, seine Angst, seine Erlebnisse waren sehr plastisch in seinen Zeichnungen, Drucken und Skizzen erlebbar. Seine eigenartige Beziehung zu Frauen war ebenfalls dargestellt. Ich verstand diese Bilder nicht immer.
Die Bilder und Skizzen zum Tode seiner Mutter und seiner Schwester Sophie ließen mich schaudern. Ich war froh, diesen Ausstellungsteil hinter mir lassen zu können.
Für mich ist Edvard Munch ein großer Künstler gewesen, der seine Schaffenskraft aus sich selbst herauszog und mit Hilfe seiner Bilder seine Gefühle offenbarte. Ganz offensichtlich ist seine Seele an den vielen schrecklichen Erlebnissen seines Lebens zerbrochen. Das Bild „Der Schrei“ war für ihn, in meinen Augen, entweder der Versuch, sich von seinem persönlichen Albtraum zu befreien oder ein Hilfeschrei.
Ich selbst male nur, wenn es mir gut geht. Es ist sehr mutig, sich, so wie es Edvard Munch tat, zu öffnen und Bilder seines Innersten zu malen und auch zu zeigen.
Zum Abschluss meines Besuches ging ich noch in die kleine Bibliothek, kaufte dort das Buch „Edvard Munch …… aus dem modernen Seelenleben“ der Hamburger Kunsthallen, Hachmannedition. Zu Hause konnte ich dann noch einmal alles über das Leben dieses besonderen Malers nachlesen und seine in der Hamburger Kunsthalle gezeigten Bilder betrachten.
Ein halbes Jahr später hatte ich das Glück, noch einmal Revue passieren lassen zu können und das mit Hilfe von Dr. Hans Thomas Carstensen (Hamburger Kunstprofessor). Er hielt an der hiesigen Volkshochschule ein wunderbar einfühlsames Referat (begleitet durch Dias der Bilder Edvard Munchs) über den Künstler Edvard Munch. Hier bekam ich, neben den Seelenbildern, noch weitere frühe Bilder des Malers zu sehen, die noch nicht überschattet von seinen Seelenkämpfen waren.
Genau wie der Tagesbesuch in Hamburg war dies ein eindrucksvoller Abend.