Zu Besuch auf Schloss Gottorf in Schleswig an der Schlei
April 26, 2008
Schloss Gottorf, wann war ich zuletzt einmal da? Ja, hier bei uns war und ist es immer noch so, dass fast alle 4. Klassen unserer Grundschulen Schloss Gottorf, Haitabu und den Schleswiger Dom besuchen. Es ist ja nicht weit, rund 1 Std. Fahrt über die A 7 und schon ist man da.
Ich habe nur noch verschwommene Erinnerungen – es ist eben sehr lange her, dass ich mir die Moorleichen und auch Haitabu angesehen hatte. Es wird wirklich Zeit, den Besuch einmal zu wiederholen und die Erinnerung aufzufrischen. Ich freue mich auf den Ausflug, freue mich ganz besonders auf die Kunstausstellung der Berliner Brücke Maler. Das Gute und Besondere an Schloss Gottorf ist, dass hier jeder Besucher etwas für ihn Interessantes entdecken kann. Wer allerdings alles sehen möchte, sollte sich 2 – 3 Tage Zeit nehmen. Schloss Gottorf bietet nämlich: den Kunst- und Kulturgeschichtlichen Rundgang vom Mittelalter bis zum Jugendstil, die archäologischen Ausstellungen von der Steinzeit bis zum Mittelalter, Ethnologische Ausstellungen (Afrika, Samurai, Sápmi), die Nydamhalle, eine Kutchensammlung, die Galerie der Klassischen Moderne, den Kreuzstall (Kunst, Kunsthandwerk und Design des 20.Jahrhunderts) die Reithalle (Sonderausstellung Wilhelm Busch). Auch im Eintritt enthalten ist der Besuch des Volkskundemuseums Schleswig (nur 900 m entfernt), der Barockgarten mit dem Globushaus und der Skulpturenpark der Schlossinsel.
Bei Sonne, Wolken und eisigem Wind geht es also eine Stunde gen Norden. Autobahnabfahrt Schleswig – Jagel geht es ab und schon bald habe ich einen wunderbaren Blick auf die Schlei und den berühmten Schleswiger Dom, in dem sich der berühmte Brüggemann Altar befindet.
Links auf der Schlossinsel erblicke ich Schloss Gottorf.
Stiftung Gottorf zeigt Höhepunkte aus dem Berliner Brücke Museum
(Auswahl mit 100 Werken)
Als erstes geht es in die Ausstellung der Expressionisten. Die Ausstellung beginnt mit den fröhlichen, leuchtenden Ölgemälden und geht dann über in Holzschnittarbeiten auf kleinem Format.
Mir gefallen auf Anhieb die Friesenhäuser I von Emil Nolde. Die Wärme und die Liebe Noldes zu seiner Heimat kommen da total durch. Auch eine kleine Aktradierung des Malers von 1906 sowie ein Selbstportrait von 1908 (Strich- und Tonätzung) sagen mir sehr zu.
Das Bild „Artistin – Marcella“, 1910, von Ernst Ludwig Kirchner, in grün mit wenig rot gehalten, mag ich auch sehr. Es wirkt sehr harmonisch und hat durch die roten Hausschuhe doch eine gewisse Spannung. Der Farbholzschnitt „Burg bei Chemnitz“(14,1 x 12 cm) von 1904 gefällt mir ebenfalls sehr. Vor allem die Farbgebung gelb, blau und wenig rot spricht mich an. “Schlachthofbahn im Winter“ ein Holzschnitt von 1906 besticht durch die wilde, expressive Holzschnittarbeit des Malers. Es wirkt so, als ob er in einem Rausch gearbeitet hat, eben sehr emotional. Ich bewundere es sehr, wie man auf so kleiner Fläche (22 x 25,3 cm) so ausdrucksstark arbeiten kann.
Bei den Bildern „Mädchen mit geneigtem Kopf“ (1904) und „Hockender Mädchenakt mit langem roten Haar“ (1904), zwei Aquarellen, ist die Unmittelbarkeit und Leichtigkeit des Farbauftrages gut zu spüren. Die Farbkontraste Orange/Blaugrün und Rot/Grün setzen die Motive gekonnt in Szene.
Der Holzschnitt „Stiere“ wirkt auf mich impulsiv gearbeitet. Beim Betrachten habe ich das Gefühl, als würden die beiden Stiere jetzt, in diesem Moment miteinander kämpfen. Die Farbgebung Schwarz/Weiß unterstreicht irgendwie die Aggressivität der Tiere.
Auch bei Karl Schmidt – Rottluff finde ich ein wunderschönes Aquarell. Der „Vareler Hafen“ von 1909 ist ein Bild, das wie aus einem Guss wirkt. Es zeigt Häuser, Schiffe und Spiegelungen. Herrlichste leuchtende Farben ziehen mich in den Bann. Die klaren Farben wurden unmittelbar und sicher neben einander gesetzt. Nachträglich wurden von dem Maler noch einige schwarze Tuschelinien gezogen, die wunderbar mit den Aquarellfarbflächen harmonieren.
Zwei kleine Holzschnitte des Malers Fritz Bleyl fallen mir auf. Da ist einmal der Holzschnitt „Stehender weiblicher Akt“ in der Größe 10,1 x 2,1 cm und zum Zweiten das Bild „Winter“ (17 x 9,9 cm), beide von 1905. Sie fallen irgendwie aus dem Rahmen. Später lese ich nach und finde heraus, dass sie dem Kompositionsschemata japanischer Farbholzschnitte entsprechen. Sie sind also wirklich etwas Besonderes.
Max Pechstein begeistert mich mit dem Ölbild „ Das gelbschwarze Trikot“ von 1909. Durch die Farbgebung Orange/Gelb und Grün kann ich die Sommerhitze geradezu spüren. Und die Krönung seiner hier gezeigten Bilder ist das sehr große Ölbild „Fischerboot“ von 1913 (190 x 96 cm). Das Schaukeln des Bootes auf dem stürmischen Meer unter dunklen dicken Wolken, die Anstrengung, Willenskraft und Angst in den Gesichtern der Ruderer ist beim Betrachten spürbar.
Auffallend ist für mich auch die Lithographie „Tänzerin (Tänzerpaar)“ aus dem Jahr 1909. Sie wirkt irgendwie humorig, frivol bis leicht zynisch auf mich.
Zu Otto Muellers Bildern und Drucken finde ich irgendwie nicht so richtig den Zugang. Sowohl die Figuren als auch die Farbigkeit seiner Bilder sprechen mich nicht wirklich an.
Namen, Größen und aus welchem Jahrgang die gezeigten Bilder waren, konnte ich mir natürlich so nicht merken. Ich entnahm diese Details aus dem Begleitbuch „Brücke High-Lights“, Magdalena M. Moeller, Hirmer Verlag München. In diesem Buch findet man alle 100 Bilder der Ausstellung und noch zusätzlich 147 weitere Werke mit Erläuterungen zu den einzelnen Bildern und Malern.
Die Ganzheit als Ziel – Stiftung Reinhardt und Johanna Guldager
Im 3. Obergeschoss des Schlosses Gottorf treffe ich ganz überraschend auf die Sammlung der Stiftung R. und J. Guldager. Es handelt sich hierbei um eine ethnologische Sammlung – Afrika. Das Ehepaar Guldager war einige Zeit in Afrika in der Entwicklungshilfe tätig. Sie brachten von dort afrikanische Masken, Schmuck und vieles mehr mit. Die Masken sind überwiegend aus Holz gearbeitet und mit verschiedenen Naturmaterialien verziert. Zu jeder Maske ist beschrieben, welchem Zweck sie dient, z. B. ist mir hier in Erinnerung geblieben – für die Verkündung des Todes eines Stammesangehörigen. Auch findet man in den Räumen verschiedene Entwicklungsprojekte erklärt.
Ganz besonders interessieren mich jedoch die Aquarelle von Reinhardt Guldager. Er hat mit sicheren Pinselstrichen in kräftigen Farben sowohl die Masken als auch die Menschen auf verschiedenen Papieren festgehalten. Fesselnd sind die Blicke der Menschen. Sie sind nicht als einfache Portraits dargestellt, sondern vermitteln die Lebenssituation der Personen. Das gefällt mir ganz besonders daran.
Die Bronzezeit, Jungsteinzeit und Menschen der Eisenzeit (Moorleichen)
Als erstes geht es in den Raum, in dem auch eine Moorleiche ausgestellt ist. Links herum gegangen, werden Kleidungsreste und auch Modelle, wie die Kleidung tatsächlich ausgesehen hat, ausgestellt. Mich überrascht, dass die Kleidung farbig, hier in einem dunklen Ziegelrot, gewesen sein soll. Bevor es zu der Moorleiche geht, werden drei Theorien an Schautafeln dargelegt, wie die Leiche wohl gestorben sein könnte. Jede der Theorien ist möglich. Bevor es dann endgültig zu den Moorleichen geht, gibt es für jeden Besucher die Möglichkeit, sich zu äußern, ob er es für richtig hält, überhaupt Moorleichen zu zeigen. Ich meine, man hat viel über das Leben und die Menschen unserer Vergangenheit durch die Untersuchung der Moorleichen gelernt und so ist es dann auch o. k. sie der Öffentlichkeit zu zeigen. Hier, auf Schloss Gottorf werden sie in den Schaukästen sehr pietätvoll gezeigt. Niemand geht an ihnen vorbei und sieht sie zwangsweise. Der Besucher kann sich ganz bewusst entscheiden – für oder gegen das Anschauen. Kleine Kinder müssen von Erwachsenen hoch gehoben werden, um einen Blick auf die Moorleichen werfen zu können.
(Die Aussagen beziehen sich nicht auf die neue Ausstellung „Der Traum vom ewigen Leben“ in der Reithalle. Diese neue Ausstellung gab es zum Zeitpunkt meines Besuches noch nicht.)
In den Schaukästen nach den Moorleichen werden Grabbeigaben gezeigt. Sie sind unterschiedlich, je nachdem ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Natürlich spielt auch die Stellung des Toten eine Rolle. Reich und arm war auch damals schon ein Thema. Ebenso spielt bei Kindern das unterschiedliche Alter bei den Grabbeigaben eine Rolle.
Merkwürdige Gegenstände sehe ich und kann sie nicht zuordnen. Zu was wurden sie gebraucht? Bei den Männern sind auch Waffen, Gürtel, Messer u. ä. zu sehen. Auch bei einigen Frauen wurden Messer dem Grab beigelegt. Hierzu wird in der Ausstellung bemerkt, dass dieses eigentlich nicht üblich war. Möglicherweise wurden die Messer zu anderen Zwecken gebraucht oder die Frauen lebten tatsächlich in einer sehr unsicheren Zeit und mussten sich selbst schützen. Krüge, sehr wenig Schmuck, Haarnadeln und Handarbeitswerkzeug findet man bei den Frauen eher.
In einem Schaukasten eines reichen Mannes steht eine Glasschale. Ich glaube nicht, dass es in dieser Zeit schon Glas gab, oder doch? Eine spätere Recherche ergab, dass es tatsächlich schon seit 1.500 vor Christus Glas gibt.
Am Ende der Ausstellung befinden sich Schaukästen, in denen genau beschrieben ist, was man mit den gezeigten Grabbeigaben machte. Mein Rätsel hat sich gelöst. Ich hätte die Ausstellung rechtsherum beginnen sollen.
Tod und Jenseits
Auf der anderen Seite des Flures geht es in die Ausstellung Tod und Jenseits. Zuerst dachte ich, dieser Teil ist wohl gesperrt, denn es ist dort dunkel, nur sehr wenig beleuchtet auf dem Flur. Auf dem Flur findet sich das Modell eines Ahnenhauses (Grabhügel). Stockdunkel, nur durch das diffuse Licht der Schaukästen erhellt, ist der nächste Raum. Mitten im Raum ist ein Scheiterhaufen aufgebaut, auf dem scheinbar eine in Leichentuch gehüllte Gestalt liegt. Mir ist unheimlich zumute. Weitere Kleidungsstücke und Grabbeigaben sind in Schaukästen ausgestellt. Große hölzerne Ahnen, Boten oder Götter sind aufgestellt worden und in einer kleinen Ecke liegt noch eine Moorleiche. Tod und Jenseits. Ein bedrückender Raum, ich bin froh, ihn verlassen zu können.
Die hier gemachten Aussagen beziehen sich nicht auf die neue Ausstellung „Der Traum vom ewigen Leben“ in der Reithalle. Diese Ausstellung gab es bei meinem Besuch noch nicht.
Das einfache Leben der Bauern, Jäger und Fischer
Lebensverhältnisse, Gegenstände des täglichen Lebens und die Arbeit mit diesen Gegenständen wird im nächsten Raum präsentiert. Ich bin schon ziemlich müde von den vielen Eindrücken und vom vielen Lesen an den ganzen Schautafeln und gehe daher etwas schneller an den Schaukästen vorbei und lese nur noch teilweise etwas. Da wird ein kleiner Film gezeigt. Ich bleibe stehen und schaue mir an, wie die großen Felsbrocken zu einem bestimmten Ort transportiert und dann aufeinander geschichtet wurden. Etwas weiter am Ende des Raumes wird noch ein Film gezeigt. Mit primitivstem Handwerkszeug wird ein Bernstein bearbeitet und später als Glied einer Kette verwendet. Die Menschen früher waren schon sehr einfallsreich und wussten sich zu helfen. Ganz sicher hatten sie ein hartes Leben. Harte körperliche Arbeit bestimmte ihren Alltag. Unglaublich abhängig waren sie vom Wetter, welches den Ernteertrag bestimmte, der ihr Überleben sicherte. Leben und Tod waren sehr nah beieinander.
Pause
Ich brauche eine Pause. Im Schlosskeller gibt es ein gemütliches Restaurant. Eine kleine, aber feine Karte verspricht Leckereien. Von der Husumer Krabbensuppe bis zu einem Stück Kuchen ist eine feine Auswahl vorhanden.
Danach geht es zu einem Spaziergang rund um das Schloss und zum Barockgarten. Der Skulpturenpark liegt hinter dem Schloss. Die nackten Figuren frieren bei dem eisigen Wind und dem Schnee ganz bestimmt. Eine neue Skulptur finde ich auch noch, eine von Kindern gebaute Schneehöhle. Sie entlockt mir ein Lächeln, ansonsten friere auch ich ganz schön.
Der befestigte Gartenweg zum Barockgarten ist gerade und lang. Rechts und links des Weges befinden sich feuchte, moorige Wiesen.
Trotz des Schnees kann man sehen, dass der Barockgarten in Terrassen angelegt ist. Mitten drin befindet sich das Globushaus. Wenn man in den Garten geht, trifft man zuerst auf zwei kleine Teiche. Aber heute lohnt es nicht, sich durch den Garten zu bewegen. Die Wege sind matschig und verschneit. Das ist nicht gut für die Schuhe. Ein andermal, vielleicht im Sommer komme ich wieder.
Die Nydamhalle
Es ist noch etwas Zeit. Was kann man noch anschauen? Die Kutschensammlung, die Galerie der Klassischen Moderne, die Reithalle (Ausstellung Wilhelm Busch), das Atelier Wimmer, die Bibliothek, im Schloss Mittelalter, Renaissance, Biedermeier, Barock, Volkskunst, Jugendstil oder die Geschichte von Schloss Gottorf oder die Nydamhalle. Die Auswahl ist noch groß.
Es soll die Nydamhalle sein. Eine riesige Halle erwartet uns. Die Hauptattraktion ist natürlich das Nydamboot. 45 Ruderer fasste es. Es ist erstaunlich gut erhalten. Nach dem Fund des Bootes und der ersten Ausstellung in Schleswig hat es noch zwei Ausflüge gemacht, einen während des 2. Weltkrieges. Ausgelagert, im Bauch eines Schiffes versteckt, harrte es auf einem unserer Seen einige Jahre aus, um dann unbeschädigt wieder in Schleswig in der Nydamhalle aufgestellt zu werden. Einen zweiten Ausflug machte es vor kurzem. Es wurde verpackt und nach Dänemark gebracht und dort ein Jahr lang ausgestellt. Beide Ausflüge sind durch Fotos dokumentiert.
In der Nydamhalle findet man auch noch in den Schaukästen ausgestellte Waffen, Kettenhemden und Schilde. Die Schilde sind groß und vermutlich sehr schwer. Die Männer, die diese Schilde trugen, mussten schon sehr muskulös sein.
Auch Angriffsstrategien werden dokumentiert.
Das Museum schließt im März bereits um 16.00 Uhr. Aber für die letzte halbe Stunde lohnt es sich nicht, noch in eine der anderen Ausstellungen zu gehen. Ich versuche noch ein schönes Foto vom Schloss zu machen. Es ist schwierig, da überall andere Gebäude den Blick etwas verstellen. Von hinten ist das Schloss nicht fotogen. Also doch von schräg vorne und dann ab nach Hause.
Sieben Jahre in Tibet – Erinnerungen von Heinrich Harrer
März 31, 2008
Sieben Jahre in Tibet – Erinnerungen von Heinrich Harrer
Ein Buch voller Erinnerungen und Erlebnissen erzählt von Tibet.
Die unglaubliche Natur wird mit Worten in den schönsten Farben gemalt. Einsamkeit, Entbehrung, Staunen über die Natur und auch über die Menschen sind Empfindungen, die von Heinrich Harrer anschaulich dokumentiert wurden. Wenn man das Buch liest, dann begleitet man die beiden Freunde Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter bei ihrer einsamen Reise durch Tibet. Ihr Ziel ist Lhasa. Unterwegs begegnen sie Menschen. Menschen, die ihnen helfen und auch solche, die sie außer Landes weisen. Das Volk Tibets wird als sehr zurückhaltendes fast fremdenfeindliches Volk geschildert, wobei sicher auch die damalige politische Lage eine Rolle spielte.
Aber sie treffen auch auf neugierige, offene Menschen, die sehr interessiert am Fortschritt sind und auf den heutigen Dalai Lama. Er war zu dieser Zeit noch ein Kind, ein sehr interessiertes, kluges Kind.
Wer mehr über Tibet wissen möchte, der kann aus diesem Buch etwas von der Geschichte und den Menschen Tibets erfahren. Gerade in der jetzigen schwierigen Zeit Tibets, wünsche ich den Menschen Beachtung und Hilfe.
Mich hat ganz besonders der Mut der Mönche beeindruckt, die vor ein paar Tagen für die Rechte ihres Landes eingetreten sind. Sie waren meines Erachtens sehr authentisch.
Ute Storjohann
Zu Besuch bei Edvard Munch
März 1, 2008
Im April 2006 machte ich mich auf, um Edvard Munch in der Hamburger Kunsthalle zu besuchen. Da ich kein Auto zur Verfügung hatte, fuhr ich mit der Bahn. Reine Fahrzeit bis zum Hauptbahnhof ist rund 1 Stunde. Doch für mich ist es nie eine verlorene Stunde, denn immer wenn ich mit der Bahn nach Hamburg fahre, begegne ich den Orten meiner Kindheit und erinnere mich sehr gerne im Laufe der Fahrt an diese Zeit. An der Haltestelle „Hutwalckerstraße“ ist der Winterhuder Marktplatz, dort kauften wir ein. An der Haltestelle „Lattenkamp“ war das Schwimmbad, in dem ich schwimmen lernte, und natürlich die Grundschule, die mein Bruder und ich besuchten. Ja, da gibt es dann noch den Stadtpark, in dem wir spazierten, spielten und das Eislaufen am Wasserturm versuchten. Auch die Haltestellen „Eppendorf“, „Sengelmannstraße“, „Langenhorn“, „Ohlsdorf“ und „Barmbek“ verbinde ich mit sehr persönlichen Erinnerungen und so wurde auch diese Reise zu Edvard Munch, wie jede Bahnreise nach Hamburg, schon unterwegs zu einer Reise zu meinen Erinnerungen.
Am Hauptbahnhof angekommen, ist es nicht mehr weit bis zur Kunsthalle. Diesmal mein dritter Besuch dort überhaupt und wieder alleine. Ich hatte mir extra diesen ganzen Tag frei genommen, um Edvard Munchs Bilder zu sehen. Der Altbaueingang mit seiner altmodischen, großen Drehtür ließ mich ein. Ich gab meine Jacke ab, kaufte die Eintrittkarte und begann meinen Besuch.
Von Edvard Munch kannte ich nur die bekannten Bilder „Der Schrei“ und die „Madonna“, sonst nichts.
Für mich war es eine große Überraschung, dass er auch große farbige Ölbilder gemalt hatte, die nichts von seiner Schwermut verrieten. Es fanden sich auch einige wenige, farbige, großformatige Portraits, die mich jedoch nicht sehr berührten, obwohl sie bestimmt sehr gut gemalt waren. Bis auf ein einziges: Drei Mädchen stehen auf einer Brücke, zwei mit dem Rücken zum Betrachter. Ich meine mich zu erinnern, dass alle einen großen Hut trugen. Die Figuren waren irgendwie, ich kann es nicht anders ausdrücken, liebevoll gemalt und die Szenerie hatte so etwas Friedliches.
Die schwarz weiß Bilder von Edvard Munch waren alle kleinformatiger. Sowohl die Portraits als auch die Zeichnungen, Drucke und Skizzen, berührten mich sehr. Sie waren so voller Emotionen, häufig sehr bedrückend, so dass man sie nicht so schnell vergessen konnte. Sie erzählten mir die Lebensgeschichte von Edvard Munch ohne Worte. All sein Grausen, seine Angst, seine Erlebnisse waren sehr plastisch in seinen Zeichnungen, Drucken und Skizzen erlebbar. Seine eigenartige Beziehung zu Frauen war ebenfalls dargestellt. Ich verstand diese Bilder nicht immer.
Die Bilder und Skizzen zum Tode seiner Mutter und seiner Schwester Sophie ließen mich schaudern. Ich war froh, diesen Ausstellungsteil hinter mir lassen zu können.
Für mich ist Edvard Munch ein großer Künstler gewesen, der seine Schaffenskraft aus sich selbst herauszog und mit Hilfe seiner Bilder seine Gefühle offenbarte. Ganz offensichtlich ist seine Seele an den vielen schrecklichen Erlebnissen seines Lebens zerbrochen. Das Bild „Der Schrei“ war für ihn, in meinen Augen, entweder der Versuch, sich von seinem persönlichen Albtraum zu befreien oder ein Hilfeschrei.
Ich selbst male nur, wenn es mir gut geht. Es ist sehr mutig, sich, so wie es Edvard Munch tat, zu öffnen und Bilder seines Innersten zu malen und auch zu zeigen.
Zum Abschluss meines Besuches ging ich noch in die kleine Bibliothek, kaufte dort das Buch „Edvard Munch …… aus dem modernen Seelenleben“ der Hamburger Kunsthallen, Hachmannedition. Zu Hause konnte ich dann noch einmal alles über das Leben dieses besonderen Malers nachlesen und seine in der Hamburger Kunsthalle gezeigten Bilder betrachten.
Ein halbes Jahr später hatte ich das Glück, noch einmal Revue passieren lassen zu können und das mit Hilfe von Dr. Hans Thomas Carstensen (Hamburger Kunstprofessor). Er hielt an der hiesigen Volkshochschule ein wunderbar einfühlsames Referat (begleitet durch Dias der Bilder Edvard Munchs) über den Künstler Edvard Munch. Hier bekam ich, neben den Seelenbildern, noch weitere frühe Bilder des Malers zu sehen, die noch nicht überschattet von seinen Seelenkämpfen waren.
Genau wie der Tagesbesuch in Hamburg war dies ein eindrucksvoller Abend.
Zu Besuch bei Emil Nolde
März 1, 2008
Per Zufall sah einer meiner Lehrer meiner Schulzeit Blumenbilder von mir und es rutschte ihm so heraus: „Wie Emil Nolde“. Ich verstand damals diesen Satz nicht, denn ich kannte keinen Emil Nolde. Wer war das? Bald suchte ich nach Informationen und wurde natürlich auch fündig. Es gibt unendlich viele Bücher über diesen wunderbaren Maler. Nach dem Studium einiger Bücher und der Betrachtung seiner Bilder, kam ich darauf, was mein Lehrer mit seiner Aussage gemeint haben könnte. Er sah wohl in meinen Blumenbildern die gleiche Unmittelbarkeit und Farbkraft wie in Noldes Bildern (Ich selbst würde es nie wagen, mich mit Emil Nolde zu vergleichen). Stark vereinfacht und wie im Garten stehend und leuchtend springen Noldes Blumenbilder dem Betrachter sofort ins Auge. Ich mag diese Vereinfachung und Unmittelbarkeit sehr, sie verbindet einen wunderbar mit der Natur. Nichts ist dort perfekt, alles wächst, gedeiht und vergeht dann wieder, um im nächsten Jahr wieder zu beginnen. Alles ist irgendwie so einfach und unkompliziert, aber ich schweife ab.
Eigentlich wollte ich von meinem Besuch im Museum in Seebüll erzählen.
So kam ich tatsächlich im Kalenderjahr 2005 über Flensburg nach Seebüll. Doch so dicht ist es gar nicht bei Flensburg. Eine gute halbe Stunde Fahrzeit muss man da schon einplanen. Seebüll liegt dann ganz versteckt, „jwd in der Wallachei.“ Ab einem bestimmten Punkt sind die Straßen unglaublich schmal, rechts und links gibt es nur noch flaches Land mit hohen Gräsern soweit das Auge reicht. Wenn nicht ab und zu Hinweisschilder auftauchen würden, zweifelt man schon, ob man sich noch auf der richtigen Wegstrecke befindet.
Angekommen! Ein schöner Weg zwischen Gräsern, die sich im Wind biegen, führt zum Haus. Links ist weit entfernt ein altes Bauernhaus auf einer kleinen Anhöhe zu sehen. Auch das Haus von Emil Nolde steht etwas erhöht. Es ist dunkel und kastig mit Flachdach. Wenn man bedenkt in welcher Zeit und Umgebung (Es gab damals dort ganz sicher fast nur Bauernhäuser mit Strohdach.) es gebaut wurde, dann war dieses Haus sicher revolutionär. Auch das passt irgendwie zu seinem Freigeist, der sich ebenfalls in seinen Bildern ausdrückt.
Enge Flure, schmale alte Holztreppen, große und kleine Räume erwarten den Besucher. Im Keller befinden sich die biblischen Bilder. Mich erschrecken die groben, leidenden und verhärmten Figuren in seiner Bildern. Das hatte ich nicht erwartet.
Weiter geht es in den großen höher gelegenen Raum. Dort befinden sich viele Ölgemälde, dicht an dicht. Große Bilder mit starker Leuchtkraft. Blumenbilder, Menschen- und Landschaftsbildnisse in großen Formaten. Hier fühle ich mich wohler. Die Bilder vermitteln mir Energie, Lebens- und Schaffenskraft, die Liebe zur Natur und den Menschen. Aber ein bisschen erschlägt und beunruhigt mich auch die Kraft der Farben.
In den oberen kleinen Räumen dann treffe ich auf die ungemalten Bilder, kleine Aquarelle und Aquarelle auf Japanpapier. Diese Bilder faszinieren mich, diese Räume sind meine. Die schlichten Motive wurden mit sicherem Strich gemalt. Die Farben leuchten auch hier. Kleinere Formate und die Sanftheit des Aquarells wirken beruhigend, und so als wäre ich angekommen, auf mich. Hier halte ich mich am längsten auf und genieße den Anblick der einzigartigen Bilder Emil Noldes.
Dann geht es hinaus in den Garten. Er ist faszinierend. Die Beete sind wunderschön angelegt. Da es September ist, beherrschen Astern und Dahlien in allen Formen, Farben und Größen das Bild. Ein wunderschöner Bauerngarten, der ganz sicher zu jeder Jahreszeit seine Farbenpracht entfaltet, begeistert mich. Ich verstehe die Verbundenheit Emil Noldes zu den Blumen bei diesem Anblick voll und ganz.
Ganz erfüllt von den Eindrücken geht aus auf den Heimweg. Bis heute (2008) ist die Erinnerung an diesen Besuch bei Emil Nolde für mich ganz unmittelbar, als wäre es erst gestern gewesen.
Ich hoffe sehr, dass ich ihn eines Tages wieder dort, wo er für immer lebendig ist, besuchen kann.
